Es gibt Software, die man entdeckt. Und es gibt Software, die man nicht mehr loswird.
Immich gehört zur zweiten Kategorie. Ein Open-Source-Foto- und Videodienst, der das macht, was Google Photos oder Apple iCloud tun — nur dass man dabei der Eigentümer bleibt. Die eigenen Bilder. Die eigenen Daten. Die eigene Infrastruktur.
Wer sich Immich einmal angesehen hat, weiß: das Ding ist gut. Sehr gut. Modern, schnell, durchdacht. Und es ist kostenlos.
Aber es geht hier nicht primär um Immich als Werkzeug. Es geht um Immich als Beweis.
Ehrlichkeit als Geschäftsmodell
Immich kostet nichts. Die Entwickler sagen im Grunde: „Nehmt es. Nutzt es. Wenn ihr könnt und wollt, unterstützt uns. Wenn nicht, ist das auch in Ordnung."
Das klingt harmlos. Ist es nicht.
In einer Welt, in der jeder SaaS-Dienst hinter einer Paywall verschwindet, in der jeder Klick getrackt und jedes Verhalten analysiert wird, um es zu monetarisieren, ist diese Haltung fast schon rebellisch.
Kein Zwang. Kein Druck. Einfach: Wir bauen etwas Großartiges. Nutzt es. Und wenn es euch was bedeutet, helft mit.
Das ist nicht naiv. Das ist ein Statement darüber, wie Software sein sollte.
Die andere Seite der Medaille
Dann gibt es die andere Seite. Und hier wird es differenziert.
Es gibt Unternehmen, die Milliarden umsetzen. Die auf Linux laufen. Die mit PostgreSQL ihre Daten speichern. Die ihre Cloud-Infrastruktur auf Kubernetes aufbauen. Die täglich Open-Source-Tools nutzen, ohne die sie nicht existieren würden.
Und was geben sie zurück?
Einige geben viel zurück. Unternehmen wie Google, Meta oder Amazon investieren massiv in Open Source — ob durch bezahlte Entwicklerstellen, Stiftungen oder direkte Funding-Programme. Red Hat existiert nur, weil Canonical das Modell vorlebte. Die Linux Foundation, die Open Source Initiative, die Apache Software Foundation — all das sind Antworten auf genau diese Frage. Es gibt Vorbilder. Und sie sind beeindruckend.
Aber es gibt auch die anderen. Die Schmarotzer. Unternehmen, die die gleiche Infrastruktur nutzen, denselben Profit daraus ziehen — und nichts zurückgeben. Nicht finanziell. Nicht durch Entwickler. Nicht durch Dokumentation. Nicht durch Bug-Reports.
Die Rechnung ist einfach: Diese Unternehmen verdienen ihr Geld teilweise damit, dass Open-Source-Software die Kosten hält, die sie sonst hätten. Lizenzen. Wartung. Support. Und sie behandeln diese Software als kostenlose Infrastruktur, die einfach da ist.
Das ist kein Unfall. Das ist eine Entscheidung. Und Entscheidungen können geändert werden.
Die Rechnung bezahlt immer jemand
Die Entwickler, die Maintainer, die Menschen, die nachts um drei ein Sicherheitspatch schreiben, weil ein Bug entdeckt wurde — sie tun das nicht aus Altruismus allein. Sie tun es, weil sie glauben, dass das, was sie bauen, wertvoll ist.
Und es ist wertvoll. Es ist der wertvollste Teil der digitalen Infrastruktur.
Die Frage ist nicht, ob Open Source bezahlt werden sollte. Die Frage ist, warum es nicht schon längst automatisch passiert.
Ein Vorschlag, der keiner sein darf
Stellen wir uns vor: Es gäbe Regeln. Klare, faire, respektvolle Regeln.
Unternehmen ab einer bestimmten Größe tragen einen Beitrag zu den Open-Source-Projekten bei, die sie nutzen. Nicht als Strafe. Nicht als Steuer. Als Anerkennung.
Fünf Dollar im Monat. Zehn. Fünfzig. Je nach Größe, je nach Nutzung. Es geht nicht darum, die Projekte reich zu machen. Es geht darum, dass die Menschen, die diese Projekte am Leben halten, sich darauf verlassen können.
Tausende von Unternehmen, die jeweils einen kleinen Betrag einzahlen, summieren sich zu etwas, das den Unterschied macht. Und wer mehr zahlen kann und will — den respektieren wir dafür.
Warum das wichtig ist
Weil Open Source kein Idealismus ist. Weil es die Infrastruktur ist, auf der alles steht. Und weil Infrastruktur gewartet werden muss.
Wenn die Menschen, die großartige Ideen haben und sie in funktionierende Software verwandeln, dafür auch angemessen bezahlt werden, passiert etwas Einfaches: Sie können sich darauf konzentrieren. Sie können weiterbauen. Sie können besser werden. Dieser Kreislauf — gute Ideen führen zu guter Software, gute Software wird genutzt und gewürdigt, die Urheber können weiterarbeiten — ist kein Wunschtraum. Er ist ein Automatismus, der nur noch den letzten Schritt braucht: dass die Wertschätzung auch messbar wird.
Die Lücke zwischen Anspruch und Realität
Jeder sagt: Open Source ist großartig. Jeder nutzt es. Und fast niemand handelt entsprechend.
Das ist kein Vorwurf. Das ist eine Beobachtung. Und Beobachtungen können geändert werden.
Die Frage ist, ob wir bereit sind, den Unterschied zwischen „kostenlos nutzen" und „wert schätzen" zu verstehen.
Wie wir es leben
Bei libcom.de ist das kein theoretisches Konzept. Es ist der Alltag.
Die Software, die wir einsetzen, konfigurieren und verwalten, ist fast ausschließlich Open Source. Linux. PostgreSQL. nginx. Docker. Kubernetes. Und ja — auch Tools wie Immich, die zeigen, wohin die Reise gehen könnte.
Aber wir nehmen nicht nur. Wir geben auch zurück.
Der Support, den wir leisten, ist vor allem derjenige, der selten im Vordergrund steht, aber ohne den keine Community funktioniert: Dokumentation. Bug-Reporting. Das Melden von Problemen, die sonst unbemerkt bleiben würden. Das Schreiben von Issues, die anderen helfen, denselben Fehler nicht zu machen. Das sind keine großen Geste. Aber sie sind notwendig. Und sie sind der erste Schritt.
Der nächste Schritt — finanzielle Beiträge an die Projekte, die unser tägliches Arbeiten ermöglichen — steht noch aus. Noch. 😉
Open Source ist die perfekte Lösung. Die Technologie ist da. Die Qualität ist da. Die Community ist da.
Was fehlt, ist ein fairer Weg, die Menschen zu bezahlen, die es am Leben halten. Nicht aus Mitleid. Aus Respekt.
Und wenn wir das schaffen, gewinnen alle.