Es ist das Jahr 2026. Das IPv6-Protokoll existiert seit 1998. Es ist seit über einem Vierteljahrhundert RFC-Standard. Jedes moderne Betriebssystem unterstützt es. Jede moderne Netzwerkkomponente kann es. Jedes Lehrbuch, jeder Kurs, jede Zertifizierung behandelt es. Und trotzdem surfen Millionen Menschen weiterhin ausschließlich über IPv4 — nicht, weil sie es wollten, sondern weil andere es versäumt haben.

Das ist nicht mehr nur ein technisches Versäumnis. Es ist eine Peinlichkeit.

Die prominente Scham

Fangen wir mit dem Offensichtlichen an. GitHub — die weltweit größte Plattform für Softwareentwicklung, Eigentum von Microsoft, einem der reichsten Technologieunternehmen der Welt — unterstützt kein IPv6. Kein einziges Byte. Wer einen IPv6-only-Anschluss hat, kann GitHub nicht erreichen. Keine Repositories, keine Issues, keine Pull Requests, keine Dokumentation. Microsoft kauft GitHub für 7,5 Milliarden Dollar, aber IPv6 auszurollen — das offenbar übersteigt die Möglichkeiten.

Reddit, die sich selbst als »Front Page of the Internet« bezeichnet, unterstützt ebenfalls kein IPv6. Eine Plattform, die sich als Startseite des Internets geriert, beherrscht das Basisprotokoll des Internets nicht.

Die Liste geht weiter. Docker Hub. Cloudflare Workers (teilweise). Zahlreiche SaaS-Anbieter. Die Liste der Unternehmen, die auf ganzer Strecke bei diesem Basis-Thema versagen, ist lang. Und sie ist peinlich.

Ein Vierteljahrhundert Ignoranz

IPv6 ist keine Neuigkeit. Es ist keine Experimentaltechnik. Es ist nicht einmal umstritten. IPv4-Adressen sind seit 2011 aufgebraucht — die IANA hat die letzten freien Blöcke vergeben. Seitdem wächst das Internet nur noch, weil NAT, Carrier-Grade NAT und andere Krücken das IPv4-Netz über seine Konstruktion hinaus quälen.

IPv6 löst dieses Problem. Es löst es seit 1998. Der Adressraum ist so groß, dass jeder Mensch, jedes Gerät und jeder Toaster eine eigene Adresse haben könnte — und der Vorrat nicht erschöpft. Es vereinfacht Netzwerkarchitektur, eliminiert NAT-Hacks, verbessert End-to-End-Konnektivität, reduziert Latenz in Mobilfunksystemen, ermöglicht echte Peer-to-Peer-Kommunikation.

Und trotzdem diskutieren wir im Jahr 2026 noch über Adoption. Als wäre es eine optionale Erweiterung. Als wäre es ein Nice-to-have.

Es ist ein Muss. Wer es nicht hat, hat nichts verstanden.

Dual Stack: der Dauerzustand, den niemand will

Weil einige nicht mitmachen, müssen alle anderen Dual Stack betreiben. Dual Stack — paralleles Betreiben von IPv4 und IPv6 — war als Übergangslösung gedacht. Eine Brücke, die man überquert und dann abreisst. Stattdessen hat man die Brücke bebaut, Häuser darauf errichtet und nennt sie jetzt Heimat.

Dual Stack bedeutet doppelten Aufwand. In jeder Dimension.

Firewall-Regeln. Jede Regel, die für IPv4 existiert, braucht ein Pendant für IPv6. Und IPv6-Regeln sind nicht einfach Kopien — ICMPv6 ist kritisch für Funktion, Neighbor Discovery benötigt spezielle Behandlung, Extension Headers erfordern eigene Filterlogik. Wer IPv6-Firewalls wie IPv4-Firewalls konfiguriert, hat entweder Löcher oder kaputte Verbindungen.

Dienst-Bindings. Jeder Dienst muss auf beiden Protokollen lauschen. Webserver, Mailserver, Datenbanken, Message Broker, Monitoring-Agenten. Manche Software macht das automatisch. Manche nicht. Manche behaupten es und tun es trotzdem nicht.

VPN-Verbindungen. IPSec, WireGuard, OpenVPN — alle unterstützen IPv6. Aber Tunnel-Konfigurationen, die nur IPv4 transportieren, sind epidemisch. Wer einen VPN-Tunnel aufbaut, der nur IPv4 routet, hat sein Netzwerk halbiert, ohne es zu merken.

DNS-Auflösung. AAAA-Records existieren seit 1999. Trotzdem gibt es Hosting-Provider, die sie nicht anbieten. Registrar-APIs, die sie nicht unterstützen. CDN-Konfigurationen, die sie ignorieren. DNS ist das Telefonbuch des Internets — und ein Telefonbuch, das nur halbe Nummern kennt, ist kaputt.

Debugging. Ein Connection-Timeout unter Dual Stack kann zehn verschiedene Ursachen haben. Ist es ein IPv4-Problem? Ein IPv6-Problem? Ein Happy Eyeballs-Race-Condition, bei dem der Client zuerst IPv6 versucht, fehlschlägt und dann IPv4 probiert — aber so langsam, dass der Timeout zuschlägt? Wer schon einmal einen intermittierenden IPv6-Fehler in einem Hybrid-Netz diagnostiziert hat, weiß, wie viel Lebenszeit dabei verloren geht.

Compliance und Zertifizierung. Audits müssen beide Protokolle prüfen. Penetration Tests müssen beide Protokolle angreifen. Dokumentation muss beide Protokolle abdecken. Zertifizierungen, die nur IPv4 prüfen, sind wertlos — und leider noch immer die Norm.

Wenn weniger Menschen mit Scheuklappen herumliefen, hätten wir die Migration längst abgeschlossen und wären zu IPv6-only übergegangen. Stattdessen werden wir Admins und Netzwerkleute diesen Dual-Stack-Scheiß vermutlich noch fünf bis zehn Jahre mit uns herumschleppen müssen. Fünf bis zehn Jahre doppelten Aufwands, doppelter Fehlerquellen, doppelter Komplexität. Weil einige es nicht für nötig hielten.

Das T-Online-Beispiel

Das Uniklinikum der RWTH Aachen bietet kostenfreies WLAN an. Bereitgestellt über T-Online. Der Zugang zum Internet: IPv4 only. Kein IPv6.

Das ist mehr als nur peinlich. Das ist ein deutsches Vorzeigeunternehmen — die Telekom, die sich als technologischer Vorreiter geriert, die Milliarden in Infrastruktur investiert, die in Werbekampagnen mit Gigabit-Netzen und 5G prunkt — und schafft es nicht, IPv6 in ihrer WLAN-Lösung bereitzustellen. An einer Universität. An einem Krankenhaus. An einer Institution, die forscht, lehrt, heilt. IPv4 only. Im Jahr 2026.

Was soll man dazu sagen? Dasselbe wie immer: Es ist nicht die Technik, die fehlt. Es ist der Wille. Die Telekom kann IPv6. Sie rollt es in Festnetzanschlüssen aus. Sie hat die Infrastruktur. Aber an diesem Punkt, in dieser Lösung, entscheidet jemand, dass es nicht nötig sei. Dass es reicht, so wie es ist. Dass niemand merkt, dass halb das Internet fehlt.

Aber man merkt es. Jeder merkt es, der einen modernen Anschluss hat und plötzlich feststellt, dass Webseiten nicht laden, Apps nicht verbinden, Dienste nicht erreichbar sind — weil der Client IPv6 will, das Netz aber keines gibt, und der Fallback zu IPv4 so langsam ist, dass timeouts zuschlagen.

In einem kürzlich erschienenen Artikel — Ganz oder garnicht — ging es um Unternehmen, die halbherzig arbeiten. Die Müllberge hübsch etikettieren. Die behaupten, etwas zu leisten, während sie nur abkassieren. T-Online, in diesem Fall, liefert die Illustration gratis mit: Wenn du IPv6 nicht kannst, mach es dann lieber garnicht — aber hör auf, dich Provider zu nennen.

Die Konsequenz

Es ist Zeit, dass wir aufhören, das Thema schönzureden.

Ein Provider, der kein IPv6 anbietet oder nur unzureichend implementiert, sollte den Titel, sich Provider nennen zu dürfen, per se verlieren. Wer das Basisprotokoll des Internets nicht beherrscht, ist kein Provider. Er ist ein IPv4-Relikt, das auf absehbare Zeit irrelevant wird.

Wer ein netzwerkfähiges Gerät auf den Markt bringt, das nicht vollumfänglich IPv6-kompatibel ist, sollte keine Zulassung für den EU-Markt erhalten. Punkt. Keine Ausnahmen, keine Übergangsregelungen, keine Grandfathering-Klauseln. Wer 2026 noch Geräte ohne IPv6 verkauft, verkauft kaputte Ware.

Wer IPv6 anzweifelt, hat nichts verstanden. Nicht die Technik, nicht die Notwendigkeit, nicht die Verantwortung. IPv6 ist kein Glaubenskrieg. Es ist ein Standard. Wer Standards anzweifelt, weil sie unbequem sind, gehört nicht in eine Branche, die auf Standards gebaut ist.

Wer versagt, gehört an den Pranger. Nicht hinter verschlossenen Türen, nicht in internen Postmortems, sondern öffentlich. Weil öffentliche Peinlichkeit die einzige Sprache ist, die einige Unternehmen verstehen.

Was libcom.de bedeutet

libcom.de plant, baut und betreibt Netzwerke — seit über zwei Jahrzehnten. IPv6 ist darin kein Projekt, das man einführt. Es ist eine Grundannahme, die man voraussetzt.

Wer zu mir kommt, bekommt eine ehrliche Antwort: Haben Sie IPv6? Wenn nein, warum? Wenn ja, vollständig oder nur partiell? Sind Ihre Dienste dual-stack oder IPv4-only? Sind Ihre DNS-Records komplett? Sind Ihre Firewall-Regeln symmetrisch? Sind Ihre VPN-Tunnel IPv6-aware?

Die Antwort auf diese Fragen ist nicht akademisch. Sie entscheidet darüber, ob Ihre Infrastruktur zukunftsfähig ist oder ob sie in fünf Jahren der Migration zum Opfer fällt, die längst hätte stattfinden sollen.

Wenn Sie sich fragen, ob Ihre IT IPv6-kompatibel ist — wirklich kompatibel, nicht nur theoretisch —, oder wenn Sie jemanden suchen, der es ehrlich meint: Schreiben Sie an contact@libcom.de. Wir machen eine ehrliche Bestandsaufnahme. Ohne Verkaufsdruck. Mit dem Blick auf das, was langfristig Bestand hat.


IPv6 ist nicht optional. Wer es noch immer als optional behandelt, ist das Problem.